Der alte Mann der Vielen und der Priester – Erweiterung von Jörg Pohl zu „Heuschrecken, oder die Geschichte von der monströsen Dummheit“ von Catte Black, Off-Guardian, 1.2.2021 – Teil 3

Doch bevor er das Land verließ, erfuhr er davon, dass die Vielen sogar einen Ablass bezahlten, um von den Sünden Ihres Daseins erlöst zu werden.

Der Priester hatte es den Vielen mit den monströsen Hüten, der verbrannten Ernte und dem geschlachteten Vieh gesagt, als sie seinen Hof und sein reinigten und säuberten, dass ein jeder für seinen Sündenablass bezahlen könne.
Als dennoch einige der Vielen verstarben, ließ er sie alle wissen, dass es nicht genug sei, die monströsen Hüte zu tragen, die eigene Ente zu verbrennen und das eigene Vieh zu schlachten und mit dessen Blut die verbrannte Erde zu tränken.Es sei doch offensichtlich, dass immer noch viel zu viel Sünde unter ihnen sei, selbst wenn sie für das Gemeinwohl seinen Hof und sein Land in Ordnung hielten.

Also sagte er:“ Ich habe erneut mit Gott und seinen Engeln und vielen weisen Menschen gesprochen und es ist mir offenbart worden, dass es ganz einfach sei für sie, sich von alle Sünden zu befreien. Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“

„Oh, weiser Mann, Du bist unser heiliger Mann, Du hast uns so viel Gutes gelehrt! Gerne geben wir Dir unser weniges Geld, auch wenn wir seitdem Du unter uns weilst und uns mit Deinen klugen und frommen Sprüchen errettet hast vor dem Ungemach kaum mehr Geld verdienen können.

„Nimm´unser weniges Geld, damit uns unsere Sünden vergeben werden“.

Der Priester lächelte und segnete jeden der Vielen durch Handauflegen und vergab nach Bezahlung des Ablasses alle Sünden, was er durch ein handschriftlich beschriebenes Stück Papier mit dem bischöflichen Siegel gegenüber dem Ablasszahlenden offiziell dokumentierte.

Der Kasten füllte sich schnell und vortrefflich.

Nun begab es sich, dass der Priester neues Land erwerben wollte, um das Gemeinwohl zu verbreiten, zudem er ja neue Dienerschaften zu versorgen hatte und diese doch seiner Meinung nach noch viel zu viel freie Zeit auf seinem Hof und seinem Land verbrachten. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass die Vielen noch deutlich mehr leisten konnten. Und so machte er sich auf den Weg zum königlichen Landverweser, um das Land zu kaufen, das die Vielen bereits nicht mehr bestellten, weil sie ja für das Gemeinwohl arbeiteten, um sich vor den Heuschrecken zu schützen, die einen neuen Namen hatten.

An einer Quelle auf dem Weg über die nahe bewaldete Anhöhe, traf er auf einen gut gekleideten Mann, der ebenfalls an der Quelle Rast eingelegt hatte und kam mit ihm ins Gespräch.

„Wohin des Wegs, Priester?“ fragte der Mann den Priester.

„Ich bin in heiliger Mission zum Hof des königlichen Fürsten unterwegs. Ich habe vor, das Gemeinwohl zu verbessern und damit den Menschen Sicherheit und Nahrung zu ermöglichen“, antwortete der Priester.

„Setz Dich doch einen Augenblick zu mir, Priester, und trinke mit mir zusammen vom Wasser dieser wundervollen Quelle“, sagte der alte Mann, bot dem Priester einen Platz direkt neben ihm an und setzte seinen monströsen Hut ab und fächelte sich damit etwas  frische Luft zu.

Der Priester bemerkte den monströsen Hut und schaute dem alten Mann in die Augen. „Kenne ich Dich etwa, alter Mann? Bist Du einer der Vielen unweit dieser Quelle hier?“, fragte er ihn.

Der alte Mann lächelte ihn an und sprach: „Werter Priester, ich habe den monströsen Hut von einem der Vielen erworben, denn er hatte nichts mehr zu essen, sein Getreide hatte er zusammen mit den Vielen verbrannt, sein Vieh geschlachtet und er leistete zusammen mit den anderen Vielen gar schwere Arbeit für das Gemeinwohl, indem sie bei ihres Priesters Hof und Ställe und sein Land in Ordnung zu halten.“

Der Priester hob mit frömmiger Stimme an:“ So möge es ein Gott und den Landesherren wohlgefälliges Leben sein für diese gottesfürchtigen Menschen! Sie tun recht daran und Gottes Reich sei ihnen gewiss! Doch, sag alter Mann, was ist euer Wunsch an mich?“.

„Ich will ebenfalls von meinen Sünden bereinigt werden und vernahm bei den Vielen, dass ihr, frommer und weiser Priester und Kirchenmann in dieser Angelegenheit unterwegs seid. Allerdings muss ich für eine Sünde bezahlen, die ich noch nicht begangen habe!“ und der alte Mann holte einen ledernen Sack unter seinem Mantel hervor, der gut und gerne halb voll mit Geldstücken war und ließ sie vor dem Priester klimpern im ledernen Sack.

Der Priester konnte sich nicht mehr von der Hand des alten Mannes lösen, in dessen Hand er die Geldstücke in dem Ledersack klimpern hörte.

„Sag´, alter Mann, ihr sehr vor euch den wohl bekanntesten Ablassprediger im weiten Umfeld, welche Sünde wirst Du denn noch begehen, für die Du Ablass Dir erwünschst? Du weißt, es gibt leichte und schwere Sünden. Schwere Sünden kosten deutlich mehr.“

„Ich werde einen Überfall begehen und zwei Morde. Und ich muß für meine Gruppe mitbezahlen. Es sind derer 20 Mann in meinem Gefolge. Kannst Du uns denn Ablass gewähren, weiser Mann ?“

Der Priester rechnete sofort nach und sagte „Es sind also 21 Mann, die zwei Überfälle und zwei Morde begehen werden?! Weil Du mir diesen Ablasshandel ermöglichst, und Du erkannt hast, dass es der richtige Zeitpunkt ist, hier und jetzt einen gottgefälligen Ablasshandel vorzunehmen,  erlasse ich Dir den 21. Mann. Das sind für jeden, der an den Morden und Überfällen teilnehmen wird, 12 Goldstücke, also mußt Du mir 240 Geldstücke aus Gold geben. Dann bekommst Du dafür noch eine bischöflich besiegelte Ablassurkunde, die jedem belegen wird, dass Du und Deine Mannen von allen Sünden befreit sein werden!“.

Und wieder schaute er auf den klimpernden Sack in der Hand des alten Mannes.

Dieser lächelte den Priester an. „Und wenn nur einer oder wenige die Morde begehen, aber alle an den beiden Überfällen teilnehmen? Da müßte doch noch etwas am Preis zu machen sein?, fragte der alte Mann von den Vielen und schaute den Priester lächelnd an?!“

Der Priester schüttelte sofort energisch seinen Kopf. Bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte, sagte der alte Mann der Vielen „Doch ich sehe, Du möchtest unbedingt mit mir handelseinig werden und ich mit Dir“, und er holte aus der anderen Manteltasche einen weiteren Geldsack gefüllt mit Goldstücken hervor und ließ nun beide Geldsäcke in seinen Händen hüpfen, dass es nur so klimperte..

„Ich gebe Dir einen kleinen Bonus dazu, denn man weiß ja nie, was auf dem Weg noch so alles geschehen wird und ihr seid ein weiser und frommer Mann. Möge Gott Dich schützen, Priester. Ich bin Dir zu tiefem Dank verpflichtet“. Der alte Mann von den Vielen übergab die beiden mit den Goldstücken gefüllten Ledersäcke an den Priester.

Der Priester öffnete beide und zählte die Goldstücke einzeln ab und legte sie in seine bereits fast bis zum Rand gefüllte Geldkiste.

„Hier hast Du Deinen Ablassbrief. Ich trage 21 Mann und zwei Überfälle und zwei Morde ein, die ab jetzt und hier noch begangen werden sollen“. Der Priester übergab dem alten Mann ein Dokument mit dem Siegel des Bischofs und hatte es plötzlich eilig, wieder aufzubrechen.

„Ich möchte vor der Dunkelheit diese Anhöhe überwunden haben und den fürstlichen Hof des königlichen Landverwesers erreicht haben, um auch meinen Geschäften alsbald nachkommen zu können. Möge Dein Weg geschützt sein, alter Mann!“ und er stieg auf seine Kutsche und fuhr von dannen.

Der alte Mann nahm sich sein Pferd, stieg auf und ließ es langsamen Gangs der Spur der Kutsche folgen.

Wie man berichtete, erreichte der Priester den Hof des fürstlichen Landverwesers nicht. Man fand man den Körper des Priesters an einem alten Baum auf der Anhöhe kopfüber hängend. Sein Blut tränkte das Erdreich und an seinem Körper hing ein Schild, auf dem zu lesen stand:“Möge sein Blut die verdorrte Erde tränken und allen Pflanzen Kraft geben. Sicher schützt uns das vor Ungemach allenthalben und es wird eine gute Ernte geben.“

Den Kopf des Priesters fand man unweit seines umgekehrt aufgehängten und ausgebluteten Körpers auf einem Stein. Er hatte einen monströsen Hut auf.

Am Hofe des Landverwesers soll man sich vortrefflich gewundert haben, denn man hatte nicht in Erinnerung, dass Priester in einer so großen Gruppe zusammen reisten, Bärte hatten und monströse Hüte auf ihrem Haupte trugen.

Als Tage später die königlichen Soldaten zum Hofe des Landverwesers kamen, fand man nur die Leichen des Fürsten und seiner Untergebenen. Alle waren kopfüber an den Eingangstoren aufgehängt worden und ihr Blut tränkte die trockene Erde. Sie hatten alle ein Schild umhängen, auf dem zu lesen stand :“Das wird eine gute Ernte dieses Jahr!“

Allerdings brauchte es eine Zeit, bis man alle Köpfe fand. Sie waren alle in einer Reihe auf Steinen abgelegt worden. Und alle hatten einen monströsen Hut auf.

Es wird berichtet, dass es binnen kurzer Zeit viele Dörfer der Vielen gab, die wieder ihr eigenes und selbstbestimmtes Leben aufgenommen haben sollen. Sie sollen, so sagt man, auf der Anhöhe im Wald einen Stein eingesetzt haben, um an den sonderlichen Vorgang zu erinnern, der sie fortan davon befreite, Priestern und Landverwesern Glauben zu schenken und monströse Hüte der Dummheit aufzusetzen, eigene Ernten zu verbrennen, das eigene Vieh zu schlachten und für das Gemeinwohl ohne fairen Lohn zu arbeiten. Doch die Urkunde dieses Ablasshandels wurde noch über Generationen den Kindern vorgelesen und einmal im Jahr setzten sich alle monströse Hüte der Dummheit auf, um an dieses Spektakel zu erinnern. Sie verbrannten Stroh und schlachteten Vieh, um gemeinsam zu lachen, zu tanzen und zu speisen und sich an den einen alten Mann von den Vielen zu erinnern und ihn durch zünftige Trinksprüche hochleben zu lassen.

Wo dieser eine alte Mann verblieben ist, ist bis heute ein Rätsel. Auch seine 20 Mannen warden nie mehr gesehen. Einige historische Quellen weisen vermeintlliche Hinweise auf, dass eine Gruppe von 21 Mannen auf einem Schiff in Richtung der damals Neuen Welt angeheuert haben sollen.

Sowohl die Schilder, wie auch die Hüte und erst recht die Ablassurkunde verschwanden irgendwann im Laufe der Jahrhunderte und so ist bis heute nur eine Sage übrig geblieben.

Heuschrecken sind solange ein Teil des Sommers und der Erntezeit solange es nicht gebildete Leute gibt, die erkennen, dass die jahrjährlich auftretenden Heuschrecken neue Heuschrecken mit neuem Namen sind und deshalb auch von nun an, da sie als neue Heuschrecken mit  neuem Namen benannt worden sind, für alle lebensgefährlich sind. Und es steht doch wohl ausser Frage, dass das Blut eines Priesters oder von wem auch immer mindestens so ein Schutzmittel ist, um neue HEuschrecken mit neuem Namen zu verhindern. Und sollte das nicht wirksam sein, dann bedarf es nur des Ablasses, um wieder ein frommes und fröhniges Leben leben zu dürfen.

Erst unlängst fand man einen interessanten Quellenhinweis in einer Bibliothek, der besagt, dass monströse Hüte im Land der aufgehenden Sonne gefunden worden seien. Sie waren allesamt auf großen Figuren aus gebranntem Ton drappiert worden und sind wohl einst zu hunderten in Reih´ und Glied beerdigt worden. Und aus dem fernen Land weit über das Meer hinweg in Richtung untergehender Sonne wird berichtet, dass der Brauch, monströse Hüte zu tragen wieder in Mode gekommen sein soll. Auch in unserer Umgebung trifft man immer mehr Leute an, die solche Hüte tragen. Sie sollen etwas seltsam sein, wenn man mit ihnen über Heuschrecken sprechen möchte. Aber schön anzusehen sind sie allenthalben.